Quelle: Jürg Rettenmund, Berner Zeitung

Die Ära Madlen Mathys geht zu Ende

Nur etwas kann am Samstag auf dem Flüeli bei Rütschelen einen grossen Moment vereiteln: das Wetter. Ist es schön, führt Madlen Mathys dort zum letzten Mal Regie in einem Freilichttheater. Ganz bewusst verabschiedet sie sich in Rütschelen.

Grössenwahn wird Madlen Mathys heute niemand vorhalten, wenn auf dem Flüeli die Gotthard-Postkutsche zum letzten Mal von der Bühne gefahren ist. Man wird vielmehr das Grosse hervorheben, das sie in den letzten zwei Jahrzehnten in der kleinen Gemeinde möglich gemacht hat.

Als Regisseurin der vier Freilichtspiele «Dütsch und Wältsch» (1997), «Firschtholz» (2003), «Polenliebchen»?(2009) und «Die letschti Gotthardposcht» (2015).

Zu Beginn sei das noch anders gewesen, erinnert sich Madlen Mathys. Damals, als der Frauen- und Töchternchor das Singspiel «Dütsch und Wältsch» eben erfolgreich aufgeführt hatte — im «Löwen». Es wäre doch schön, dieses Stück in grösserem Rahmen unter freiem Himmel auf dem Flüeli aufzuführen, habe sie einmal zögerlich im Chor gestreut.

Warnungen vor der Grösse der Aufgabe und der Kosten seien die ersten Reaktionen gewesen. Und am Stammtisch zirkulierte das Wort «Grössenwahn». Nun:?Gross war die Aufgabe durchaus, wenn man auf der Naturarena von Rütschelen auch bedeutend kleiner begann, als man nun in den letzten Wochen anrichten konnte.

«Das Hauptbühnenbild hatten wir auf einem Wagen montiert, der auf einer Seite ein Bauernhaus darstellte, auf der anderen ein Hotel», erinnert sich Madlen Mathys und kann ein Schmunzeln nicht ganz unterdrücken.

Volkstheater-Tradition

Anderswo als in Rütschelen hätte so etwas nicht funktionieren können, ist Madlen Mathys hingegen überzeugt und verzeiht ihren Mitbürgern deshalb die Sticheleien aus der Anfangszeit. Rütschelen sei zwar ein kleines Dorf, habe aber eine grosse Volkstheatertradition, für die neben dem Chor die Musikgesellschaft verantwortlich zeichnet.

Sie selbst ist in der Dorfschmiede aufgewachsen und führte später mit ihrem Mann einen Bauernbetrieb. Ihre Mutter sei eine begnadete Erzählerin und Lyrikerin, und sie selbst sei nicht die Einzige in der Familie, die ihr Talent geerbt habe. Bevor sie ans Regiepult wechselte, hatte sie im Frauen- und Töchternchor im Theater gespielt.

Das bezeichnet sie heute als einen ihrer Erfolgsfaktoren: «Ich kenne auch diese Seite, kann dadurch genaue Anweisungen geben, zeige auch einmal vor, wie ich es mir vorstelle.» Sie bildete sich in Kursen weiter, war aktiv im Vorstand von Amathea, dem Regionalverband für Bern sowie Deutschfreiburg und -wallis des Zentralverbandes Schweizer Volkstheater.

Keine Schenkelklopfer

Wichtig war ihr stets, den Besuchern «etwas mit nach Hause zu geben». Schenkelklopfer waren ihre Sache nicht. Erste Voraussetzung war die Stückwahl, für die sie bei den Singlüt, wie sich der Frauen- und Töchternchor inzwischen nannte, freie Hand hatte.

Stets ging es darin um den Umgang miteinander in schwierigen Zeiten — sei es während des zweiten Weltkrieges («Dütsch und Wältsch», «Polenliebchen»), sei es in Eriswil angesichts stets präsenter Feuergefahr («Firschtholz») oder jetzt in Andermatt vor der Eröffnung des Gotthard-Eisenbahntunnels.

Die Begabung von Madlen Mathys blieb ausserhalb von Rütschelen nicht verborgen. Andere Freilichtbühnen fragten sie an, und der Nachbar Madiswil vertraute für zwei Aufführungen seines «Linksmähders» auf ihre Inszenierung.

Doch für ihre letzte Regie unter freiem Himmel hat Madlen Mathys bewusst «ihr»?Rütschelen gewählt: Die Ära Madlen Mathys gehe zwar nun zu Ende, aber ganz bestimmt nicht die des Rütscheler Freilichttheaters. Dort seien die Voraussetzungen für Freilichtspiele ideal: Da sei nicht nur die Volkstheatertradition, sondern auch eine Gemeinschaft, die anpacke, wenn wieder ein Theaterjahr anstehe.

Vor allem aber sei der gewählte Turnus von sechs Jahren ideal: «Jetzt sind bei uns allen die Batterien zwar leer und brauchen Zeit dazu, sich wieder zu laden. Wenn die Energie wieder da ist, wird Rütschelen das nächste Theater in Angriff nehmen.»

→ Link zum Originalbeitrag der BZ Online

 

Madlen Mathys 2015

 

 

1997: Dütsch und Wältsch

 

 

2003: Firstholz

 

 

2009: Polenliebchen